Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Abwarten und Tee trinken

Wie man mit traditioneller chinesischer Medizin die Sommerhitze bekämpft.

Wie würde ich den Sommer überleben ohne Vivian Mak? Eigentlich war ich aus Angst vor Vivians Verkaufstalent fest entschlossen, ihr Hongkonger Teehaus “Mingcha” erst nach der nächsten Beerdigung einer reichen Tante wieder zu besuchen. Doch dann musste ich kürzlich in ihrer Nachbarschaft zwei Stunden totschlagen, die Luft glühte bei knapp vierzig Grad und sehnte mich nach einem Ort mit Klimaanlage. „Aber was ist schon eine Klimaanlage gegen grünen Tee?”, begrüßte mich Vivian und war schon mit ihren Kännchen zu Gange. „Gegen die Hitze muss man nicht nur von außen ankämpfen, sondern vor allem von innen.”

Es ist das typische chinesische Sommergespräch: Man stellt die Kühlung auf 17 Grad und redet dann darüber, wie der Hitze mit traditionellen Mitteln viel besser beizukommen wäre. Man muss sich nur ein wenig mit Yin und Yang auskennen, jener universalgültigen Zweifaltigkeit, die alle Weisheit der alten Chinesen auf den Punkt bringt. Yang bedeutet Hitze, und wer unter zu viel Yang leidet, kann durch Aufnahme von Yin – Kälte – die Harmonie wieder herstellen. Mit Yin sind aber keineswegs Eis oder kalte Limonade gemeint. „Ob etwas im chinesischen Sinne kalt oder heiß ist, hat nichts mit der Temperatur zu tun, sondern mit dem Charakter“, belehrte mich Vivian. Grüner Tee ist kalt, ebenso Pu’er oder Oolong, Schwarztee dagegen heiß – selbst wenn alle die gleiche Temperatur haben.

Chinesen können alle ihre Lebensmittel einteilen, und ich frage mich, warum sie nicht gleich ihre Supermärkte danach einrichten: Hier die Yin-Regale mit grünen Bohnen, Wassermelonen, Lotuswurzeln oder Karpfen, dort die Yang-Gestelle mit roten Datteln, Paprika, Frittieröl oder Rindfleisch. Wahrscheinlich sind sie noch nicht auf die Idee gekommen, weil sie sich genaugenommen selbst nicht an ihre alten Weisheiten halten: Die Shanghaier essen im Sommer bevorzugt Flusskrebse mit Chillis, die Pekinger scharfe Mala-Suppe und die Chongqinger Feuertopf – alles yang wie die Hölle.

Vivian beirrt das nicht. Sie braucht ohnehin keine medizinischen Argumente, um ihren Tee zu verkaufen. Dafür ist er viel zu gut, bezogen von chinesischen Bauern der alten Schule, die mit jedem einzelnen ihrer Sträucher per du sind und deren Ernte nach Jahrgängen gehandelt wird wie Grand-Cru-Weine aus dem Bordeaux. Es sind Tees, die süchtig machen und jeden Tantenmord unter die mildernden Umstände der Beschaffungskriminalität fallen lassen. Acht neue Sorten packte Vivian mir nach zwei Stunden ein. Der Sommer kann also noch eine Weile andauern, meine Verteidigung steht: Einfach abwarten und Tee trinken.

Bernhard Bartsch | 13. Juli 2010 um 13:15 Uhr

 

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