Bernhard Bartsch

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Abtreibung mit Studentenrabatt

Täglich werden in China 35.000 Kinder abgetrieben. Mangelnde Aufklärung und schlechte medizinische Standards machen Millionen Frauen unfruchtbar.

Die Angst vor dem, was kommt, steht dem Mädchen ins Gesicht geschrieben. Blass und schmal lehnt sie an der Wand, die Augen verheult. Im Arm hält sie eine Puppe, obwohl sie dafür eigentlich schon viel zu alt ist. 14 sei sie, sagt das Mädchen, doch in der einschüchternden Sachlichkeit des Krankenhausflurs fühlt sie sich nicht mehr als Frau, sondern wieder als Kind. Auch der schlaksige Teenager, der verlegen neben ihr steht, ist nicht mehr der junge Mann, der er war, als er seine Mitschülerin vor einigen Wochen zu sich nach Hause lockte. Die Sommerferien hatten gerade begonnen, seine Eltern waren tagsüber bei der Arbeit, und so konnte aus ihrer Pausenhofneckerei echte Liebe werden. „Wenn meine Eltern davon erfahren, schlagen sie mich tot“, klagt das Mädchen. „Aber wer hätte gedacht, dass gleich so etwas passieren könnte?“ Soll heißen: Wer hätte gedacht, dass man von Sex schwanger werden kann?

In der „Abteilung für Familienplanung“ des Pekinger Frauenkrankenhauses herrscht das, was die Rezeptionistin als „Hochsaison“ bezeichnet. „Viele Mädchen werden im Sommer schwanger und kommen dann zur Abtreibung“, sagt sie. „In normalen Zeiten machen unsere Ärzte sieben bis zehn Operationen am Tag, aber jetzt sind es häufig dreimal so viel.“ Das Prozedere ist einfach: Nummer ziehen, warten, abtreiben, bezahlen. 1000 Yuan (108 Euro) kostet der Eingriff. „Für 2000 Yuan bieten wir auch eine Behandlung mit weniger Schmerzen und geringerem Risiko“, erklärt die Empfangsdame. „Aber weil das sehr viele Frauen wollen, geht das nur mit Anmeldung.“ Schwangerschaftsabbrüche gelten in China als medizinische Routinebehandlung.

Einen Termin zu bekommen ist so simpel wie bei einer Zahnsteinentfernung oder einer Warzenvereisung – und Millionen Chinesinnen machen davon Gebrauch. Über die damit verbundenen Risiken wissen viele von ihnen ebenso wenig Bescheid wie über Verhütung. Die Folgen sind dramatisch: Bleibende Schäden durch mehrfache, oft unter schlechten Bedingungen durchgeführte Abtreibungen sind ein Hauptgrund, weshalb acht bis zehn Prozent aller chinesischen Paare keine Kinder bekommen können, haben Mediziner der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou herausgefunden. Anfang der Achtziger galten maximal drei Prozent als unfruchtbar.

13 Millionen Abtreibungsoperationen werden in China jährlich vorgenommen, mehr als 35 000 am Tag, so die offizielle Statistik. Da sich viele Frauen allerdings in nicht registrierte Arztpraxen oder Privatkliniken begeben, sei die wahre Zahl noch weitaus höher, glaubt Wu Shangchun vom Forschungsinstitut der Nationalen Kommission für Bevölkerungs- und Familienplanung. Da die 1000 Yuan für die einfache Abtreibung in einem offiziellen Krankenhaus in China viel Geld sind, für viele Arbeiter rund ein Monatslohn, gibt es auch eine Fülle von illegalen Privatärzten, die in Hinterzimmern operieren, häufig unter schlechtesten hygienischen Bedingungen.

Die weite Verbreitung von Abtreibungen ist eine Begleiterscheinung der 1980 eingeführten Geburtenplanungspolitik, die das Bevölkerungswachstum drosseln wollte. Ein Kind sei genug, wurde den Eltern verordnet. Unerlaubte Schwangerschaften wurden in Folge gezielt medizinisch beendet, oft unter Zwang und zur Not auch in den letzten Schwangerschaftswochen. Ethische oder religiöse Vorbehalte gegen die Tötung von ungeborenem Leben gibt es in China nicht.

Gerade weil Abtreibungen Routine sind, ist die Sexualaufklärung in China stecken geblieben. Wissen über Sexualität würde Jugendliche nur auf dumme Ideen bringen, lautet die verbreitete Begründung, mit der sich das unangenehme Thema vermeiden lässt. Eine Untersuchung des Shanghaier Armeekrankenhauses 411, das eine Beratungshotline für ungewollt Schwangere betreibt, fand heraus, dass nur ein Drittel über die richtige Art der Verhütung Bescheid wissen – und dass die Anruferinnen immer jünger werden.

Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. „Was wir über Sex wissen, kommt zum größten Teil von Pornoseiten im Internet“, sagt Xiaoxia, eine 21-jährige Studentin, die ebenfalls in der Pekinger Frauenklinik auf ihren Abtreibungstermin wartet. Ihre Eltern hätten nie mit ihr über Sex gesprochen, und auch in der Schule habe sie keinerlei Sexualkundeunterricht erhalten, erzählt sie. „An der Uni mussten wir uns einmal einen Vortrag dazu anhören, aber da hat kaum jemand zugehört.“

Viele Frauen trifft die Schwangerschaft deshalb völlig unvorbereitet. „Als ich das herausgefunden habe, hatte ich große Angst“, sagt eine andere Studentin in der Warteschlange. „Meine Eltern dürfen das nie mitbekommen, deshalb bin ich heimlich hier.“ Die meisten Frauen sind ohne Begleitung gekommen, einige aber auch mit Freundinnen oder ihren Müttern.

Ihre Geschichten zeichnen das Bild einer Jugend, in der Sex unter Schülern und Jugendlichen ein Tabu ist, das täglich millionenfach gebrochen wird. Eine 17-Jährige erzählt, dass sie nicht wisse, wer der Vater ihres Kindes sei. Deshalb habe sie die vier möglichen Kandidaten zusammengerufen und gezwungen, gemeinsam für die Kosten aufzukommen. Eine 20-Jährige berichtet, dass sie bereits zum dritten Mal in acht Monaten hier sei. Beim letzten Mal habe der Arzt ihr dringend empfohlen, künftig zu verhüten, aber sie habe den Rat nicht beachtet. „Abtreibungen sind eine gute Art abzunehmen: Vor meiner ersten Abtreibung wog ich 60 Kilogramm, aber nach der zweiten nur noch 47“, sagt sie und meint das offenbar ernst.

Tatsächlich sind Mehrfachabtreibungen alles andere als selten. Eine Untersuchung in zehn Krankenhäusern kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der Patientinnen innerhalb eines halben Jahres noch eine zweite Abtreibung vornehmen lassen und 17 Prozent vor dem Ablauf von sechs Monaten sogar drei Abtreibungen haben. Die Hälfte von ihnen gab an, noch nie verhütet zu haben.

Der laxe Umgang mit Abtreibungen hat dazu geführt, dass Schwangerschaftsabbrüche ein großes Geschäft geworden sind, für das offen geworben wird und dessen Anbieter aggressiv um Kunden werben. An Universitäten und vor Berufsschulen finden sind häufig Plakate, die Privatpraxen anpreisen. „Um eine harmonische Campuskultur zu fördern und die Sexualaufklärung zu verbessern, bieten wir allen Kommilitoninnen Discount an“, steht auf einem Flugblatt geschrieben, das eine Klinik an Universitäten verteilen lässt.

Und weiter heißt es dort: „Schwangerschaftsuntersuchung kostenlos. Abtreibung ohne Schmerzen 600 Yuan, für Studenten 300 Yuan. Bewahre diese Karte gut auf. Sie ist nur in Verbindung mit einem Studentenausweis gültig.“

 

Bernhard Bartsch | 19. September 2011 um 02:59 Uhr

 

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