Bernhard Bartsch

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80 Sekunden Flugzeit zur Blamage

Nordkoreas umstrittener Raketenstart scheitert. Das Debakel könnte Jungdiktator Kim Jong Un verleiten, sich durch einen Atombombentest zu rehabilitieren.

Es sollte eine Erfolgsmeldung zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il-sung werden, doch stattdessen muss Nordkorea eine bittere Pleite eingestehen. Der umstrittene Start einer Langstreckenrakete endete am Freitagmorgen mit einem Debakel. Der Flugkörper zerbrach nach nur 80 Sekunden in mehrere Teile und stürzte ins Meer. Doch der Fehlschlag könnte dramatische Folgen haben: Mehrere Analysten befürchten nun, dass der junge Diktator Kim Jong-un verleitet sein könnte, sich schon in den kommenden Tagen durch einen Atombombentest zu rehabilitieren.

Die Rakete vom Typ Unha-3 war um 7.39 Uhr (0.39 Uhr MESZ) abgeschossen worden und sollte angeblich einen Wettersatelliten ins All befördern. Andere Länder, allen voran Südkorea, die USA und Japan, warfen Nordkorea allerdings vor, eine Trägerrakete für Atomsprengköpfe testen zu wollen, deren Reichweite sich bis zum amerikanischen Kontinent erstrecken sollte. UN-Sanktionen verbieten Nordkorea derartige Tests.

Internationale Regierungen verurteilten den Start. Das Weiße Haus sprach von einer aggressiven Provokation und einer Verletzung internationaler Vereinbarungen. Das Land stelle trotz des Fehlschlags eine Bedrohung für die Sicherheit der Region dar. US-Außenministerin Hillary Clinton und ihr südkoreanischer Amtskollege Kim Sung-hwan vereinbarten in einem Telefonat eine „entschiedene Antwort“, berichtet die südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap. Japans Regierung kündigte wirtschaftliche Sanktionen an. Der UN-Sicherheitsrat berief eine Sondersitzung ein, um mögliche Reaktionen zu erörtern.

Auch Nordkoreas Staatsmedien gestanden den Fehlstart ein. „Wissenschaftler, Techniker und Experten untersuchen derzeit den Grund für das Scheitern“, berichtete die Nachrichtenagentur KCNA. Mit dem Start war das Regime von Kim Jong-un ein hohes Risiko eingegangen, innenpolitisch ebenso wie außenpolitisch. Der Sohn des im Dezember verstorbenen Diktators Kim Jong-il wird in der Öffentlichkeit als Mann des Militärs in Szene gesetzt, und ein erfolgreicher Raketenstart wäre für das Land ein waffentechnischer Durchbruch gewesen. Nordkorea versucht seit Langem, Interkontinentalraketen zu entwickeln, doch drei frühere Tests waren gescheitert. Diesmal gaben sich die Entwickler aber sicher, alle Probleme gelöst zu haben. Anfang der Woche hatte die Regierung sogar einer Gruppe internationaler Journalisten das Kontrollzentrum vorgeführt.

Doch nun steht das Land so isoliert dar wie lange nicht mehr. Dabei hatte Nordkorea erst Ende Februar Verhandlungsbereitschaft signalisiert und mit den USA ein Moratorium seines Nuklearprogramms vereinbart, im Gegenzug für dringend benötigte Hilfslieferungen. In Washington sieht man in dem Raketentest einen Bruch dieses Abkommens, und vor den Präsidentschaftswahlen im Herbst dürfte Barack Obama kaum gewillt sein, Nordkorea noch einmal Zugeständnisse zu machen. Sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney nutzte den Raketenstart bereits für einen Angriff auf den Präsidenten und warf ihm vor, seine Außenpolitik sei gescheitert.

Auch Pjöngjangs Hoffnungen auf mehr Unterstützung aus Südkorea sind gesunken, denn die erneute Provokation dürfte das konservative Regierungslager stärken, das eine harte Gangart gegenüber dem Norden fordert. Bei den Parlamentswahlen am Mittwoch hatte die Partei des ansonsten umstrittenen Präsidenten Lee Myung-bak überraschend ihre Mehrheit im Ab­geordnetenhaus verteidigen können. Parteichefin Park Geun-hye, Tochter des ehemaligen Militärherrschers Park, gilt nun als Favoritin für die Präsidentschaftswahl im Dezember.

Angesichts der verfahrenen Lage könnte Kim nun mit einem Atombombentest die Flucht nach vorne anzutreten versuchen. In den vergangenen Tagen hatten Seoul und Washington erklärt, es gäbe Anzeichen für entsprechende Vorbereitungen. Am Freitag zitierte die japanische Nachrichtenagentur Kyodo auch einen Experten von Chinas staatlichem Institut für Internationale Studien mit den Worten: „Nordkorea muss nun einen neuen Nukleartest durchführen – die einzige Frage ist wann.“

Der 100. Geburtstag von Kim Jong-uns Großvater Kim Il-sung an diesem Samstag könnte das Regime zur Eile drängen. Der Geburtstag wird von Pjöngjangs Propagandaapparat seit Jahren als nationales Großereignis inszeniert. Mit dem Hundertsten des „Großen Führers“ werde in Nordkorea ein „blühendes Zeitalter“ beginnen, verspricht die Regierung ihrem Volk seit Jahren. In Wirklichkeit befindet sich das Land aber in einem katastrophalen Zustand. Nordkorea gehört zu den ärmsten Staaten der Welt, ein großer Teil der Bevölkerung leidet an Mangelernährung. Nach Angaben des Welternährungsprojekts der Vereinten Nationen (WFP) ist die Versorgung so schlecht, dass heute rund ein Drittel der nordkoreanischen Kinder Entwicklungsschäden aufweisen.

Bernhard Bartsch | 14. April 2012 um 06:14 Uhr

 

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