Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die chinesische Weltformel

Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.

„Holt euch professionelle Hilfe“, rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: „Wendet euch lieber an einen Namensgeber!“…

Bernhard Bartsch | 29. Oktober 2011 um 01:44 Uhr

 

Merkels Marktforscher

Europa braucht China als Großinvestor. Dafür darf Peking bei der Struktur des Rettungsschirms mitbestimmen. Auch politische Zugeständnisse werden diskutiert.

So viel Medienandrang hat die Pekinger EU-Delegation noch nie erlebt. Der Konferenzsaal platzt aus allen Nähten, als sich am Freitag Klaus Regling der Presse stellt. Dass der Chef des Stabilitätsfonds EFSF nur wenige Stunden nach dem nächtlichen Durchbruch zum EU-Rettungsschirm nach China aufgebrochen ist, gilt vielen als Zeichen dafür, dass Europa seine Hoffnung auf neue Kredite maßgeblich auf die devisenreiche Volksrepublik stützt. Ein tatkräftiger Vertrauensbeweis aus Peking wäre für die Euroretter ein Befreiungsschlag…

Bernhard Bartsch | 28. Oktober 2011 um 16:15 Uhr

 

Brennender Wunsch nach Freiheit

Zehn junge Tibeter haben sich seit März angezündet. Die Taten sind ein Protest gegen Pekings Politik.

Tibets junge Mönche proben mit Verzweiflungstaten den Aufstand gegen die chinesische Herrschaft. Zum zehnten Mal seit März hat sich am Dienstag ein Mönch selbst angezündet. Der 38-jährige Dawa Tsering habe sich während einer religiösen Zeremonie in Kandze in der an Tibet grenzenden Provinz Sichuan mit Benzin übergossen und selbst entflammt, berichten exiltibetische Organisationen. Dabei habe er die Rückkehr des Dalai-Lama sowie Freiheit für Tibet gefordert. Er wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Die Selbstverbrennungen sind Zeichen einer erneuten Eskalation des Konflikts zwischen religiösen Tibetern und der chinesischen Regierung…

Bernhard Bartsch | 26. Oktober 2011 um 16:21 Uhr

 

China erschrickt über sich selbst

Das Video einer Zweijährigen, die nach einem Unfall von Passanten ignoriert wurde, hat in China eine Moraldiskussion ausgelöst.

Auf einmal schauen alle hin: die Öffentlichkeit, die Medien, die Politik. Millionen Menschen sahen in den vergangenen Tagen das schockierende Video, auf dem ein zweijähriges Mädchen von zwei Lastwagen überrollt und von insgesamt 18 Passanten ignoriert wird, bevor ihm nach über sechs Minuten eine Müllsammlerin zu Hilfe kommt. Das Schicksal der kleinen Wang Yue bei seinen Landsleuten eine lebhafte Diskussion ausgelöst: Was läuft falsch in der chinesischen Gesellschaft, dass den Menschen das Mitgefühl mit einem blutenden Kleinkind abhanden gekommen ist?…

Bernhard Bartsch | 20. Oktober 2011 um 10:37 Uhr

 

Seltene Erden – jetzt noch seltener

Die Welt braucht sie, China hat sie: Seltene Erden, benötigt für den Bau von Smartphones, Elektromotoren oder Windrädern. Nun drosselt Peking die Produktion.

Was wäre wohl los, wenn die Opec-Staaten morgen bekannt gäben, dass sie die Ölförderung für einen Monat aussetzen, um damit den Preis in die Höhe zu treiben? Die Folgen wären wohl kaum weniger dramatisch als die der beiden Ölkrisen in den 1970er Jahren, welche die Industriestaaten in die Rezession drückten und die Angst ums Öl zur globalen Dauersorge machten. Zu den langfristigen Auswirkungen gehörten ein Umdenken in der Stromwirtschaft, aber auch ressourcenmotivierte Kriege. Ganz ähnlich ist die Politik, die China derzeit bei den Seltenen Erden verfolgt…

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2011 um 12:37 Uhr

 

Dem Teufel das Gesicht waschen

Die einen singen patriotische Lieder, die anderen werden gefoltert. Viele chinesische Medien beschäftigen derzeit die Frage: Wie leben Chinas Häftlinge?

Es muss ein lustiger Abend gewesen sein, als die Insassen des Lufeng-Gefängnisses ihre ehemaligen Kollegen kürzlich zur Gala einluden. Der Knast im zentralchinesischen Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan, beherbergt 133 korrupte Beamte, die mit einem Auftritt vor Provinzoffiziellen demonstrieren sollten, dass sie hinter Gittern bessere Menschen geworden sind. Sie sangen patriotische Lieder, zeigten Zaubertricks und versteigerten eigene Kunstwerke…

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2011 um 01:49 Uhr

 

Fremde Landsleute

Viele Südkoreaner wollen mit den Flüchtlingen aus dem Norden nichts zu tun haben. Sie fürchten um ihren Wohlstand.

Die junge Frau muss sich sichtlich überwinden. Kerzengrade steht sie an der Wegkreuzung eines Parks im Herzen von Seoul und hält Ausschau nach Spaziergängern. Kommt einer in ihre Richtung, atmet sie tief durch, holt ein Flugblatt aus der Tasche und streckt es dem Passanten entgegen. „Wussten Sie, dass in Südkorea 23 000 Überläufer aus Nordkorea leben?“, steht darauf, gefolgt von einigen Bitten. „Bieten Sie einem Nordkoreaner ihre Freundschaft an“, lautet eine davon…

Bernhard Bartsch | 18. Oktober 2011 um 03:54 Uhr

 

Die faule Stelle des Apfels

Steve Jobs hat viel erreicht, eines allerdings nicht: Zweifel an den Produktionsbedingungen bei seinen Zulieferern hat Apple nie ausräumen können.

„Die Welt hat einen wahren Helden verloren und ich einen Freund“, trauerte der taiwanesische Unternehmer Terry Gou um den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs. Über das persönliche Verhältnis der beiden Männer ist wenig bekannt, doch beruflich verband sie eine Partnerschaft, die für beide gleichermaßen profitabel wie rufschädigend war. Gous Elektronikkonzern Foxconn, in dessen chinesischen Werken auch Apples iPhones und iPads gefertigt werden, steht seit Jahren wegen angeblich schlechter Produktionsbedingungen am Pranger…

Bernhard Bartsch | 17. Oktober 2011 um 11:40 Uhr

 

Amerikanischer Traum – Made in China

Der chinesische Bildhauer Lei Yixin entwarf das Denkmal von Martin Luther King. Viele Amerikaner empört das.

Dem chinesischen Bildhauer Lei Yixin wird an diesem Sonntag eine Ehre zuteil, von der viele meinen, dass sie ihm nicht zusteht. US-Präsident Barack Obama weiht in Washingtons National Mall, direkt zwischen den Denkmälern von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, Leis Standbild von Martin Luther King ein. Viele Amerikaner finden es ein Unding, dass die Statue des Bürgerrechtlers „Made in China“ ist: von einem Chinesen entworfen, in der Volksrepublik aus chinesischem Granit gemeißelt und dann per Container über den Pazifik geschifft, als existiere kein Unterschied zwischen Turnschuhen und einem Nationalmonument. Doch was kann Lei dafür, dass die Amerikaner ihn beauftragt haben?…

Bernhard Bartsch | 15. Oktober 2011 um 02:49 Uhr

 

Chinesischer Spagat

Nach dem Attentatsversuch wollen die USA den Druck auf den Iran erhöhen. Das geht nur mit chinesischer Unterstützung – doch Peking spielt sein eigenes Spiel.

Was haben alle Rüpelregime dieser Welt gemeinsam, Iran und Nordkorea, Pakistan und Burma, Syrien und Sudan? Die Antwort: Alle pflegen beste Kontakte nach China. Die Volksrepublik nutzt regelmäßig ihren politischen Einfluss als Vetomacht im Uno-Sicherheitsrat, um ihre Verbündeten vor harten Sanktionen und internationaler Isolation zu bewahren. Auch beim Ringen um eine Reaktion auf die angeblich in Teheran geplanten Anschläge in den USA spielt Peking deshalb eine Schlüsselrolle…

Bernhard Bartsch | 13. Oktober 2011 um 12:47 Uhr

 

Putin drückt aufs Gas

Beim Geld fängt die Freundschaft erst an: Die Rivalen Russland und China ringen um ein Erdgas-Abkommen, das auch Europas Versorgung beeinflussen könnte.

Nordasien rückt ins Zentrum des weltweiten Wettlaufs um Ressourcen. Unmittelbar bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in der Mongolei einen großen Rohstoffabkommen festzurren will, stehen auch die großen Nachbarn China und Russland offenbar vor einer Vereinbarung über langfristige Erdgas-Lieferungen…

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2011 um 13:01 Uhr

 

Schweigen oder verschwinden

Vor einem Jahr düpierte der Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo Chinas Kommunistische Partei. Seitdem macht das Regime systematisch Jagd auf Kritiker.

«Wenn eine Regierung beginnt, Anwälte zu foltern, ist niemand mehr vor ihr sicher», sagt Jiang Tianyong und spielt nervös mit einer Peperoni. Der Konferenztisch in seinem Pekinger Büro, an dem der Jurist früher mit Kollegen die Verteidigung von Menschenrechtsaktivisten plante, dient nur noch als Abstellfläche für Einkaufstaschen. In einem Regal verstauben die Werbematerialien einer Organisation, die einst gegen die Diskriminierung von HIV-Infizierten kämpfte und deren Gründer ins Ausland floh, weil er sich in China nicht mehr sicher fühlte. Zu Recht. «Was sie mit mir gemacht haben, haben sie auch mit Dutzenden anderer getan», erklärt Jiang. «Wir Bürgerrechtsanwälte hatten nie die Illusionen, dass unsere Arbeit leicht sein würde, aber eine Einschüchterungskampagne wie die seit der Verleihung des letzten Friedensnobelpreises hat noch keiner von uns erlebt.»…

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2011 um 04:09 Uhr

 

Helfen auf eigene Gefahr

Was tun, wenn man einen alten Menschen auf der Straße liegen sieht? In China lautet die Antwort häufig: Liegen lassen – der eigenen Sicherheit wegen.

Peking Herr Li starb am helllichten Tage vor den Augen Dutzender Menschen. Am 4. September war der 88-Jährige aus dem zentralchinesischen Wuhan wie jeden Morgen auf den Markt gegangen, wo er stolperte und sich am Kopf verletzte. Obwohl reger Betrieb herrschte und viele Passanten den Alten kannten, kam ihm niemand zu Hilfe. Eine Stunde lag er am Boden, bis irgendwann ein Arzt auftauchte und seinen Tod feststellte…

Bernhard Bartsch | 06. Oktober 2011 um 04:17 Uhr