Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Mr. Softpower

Pianist Lang Lang ist Chinas erster globaler Superstar – er verbindet die Träume der chinesischen Jugend mit den Wünschen ihrer Eltern.

Aufstehen um zehn Uhr ist für Lang Lang eigentlich zu früh. Normalerweise schläft er bis mittags, nach einem Konzertabend sowieso. Doch an diesem Morgen steht er schon um kurz nach elf in der Hotellobby, die Haare frisch in den Himmel gegelt. Er trägt eine weiße Jacke über einem orangefarbenen T-Shirt, dazu eine schwarze Anzughose und Lackschuhe, ein passender Stilmix für den Starpianisten, der Klassik in China zur Popmusik gemacht hat. „Schöner Tag“, sagt er, als er aus dem Hotel tritt, wo ein Konvoi aus vier Autos wartet. Der Smog der südchinesischen Industriestadt Guangzhou klebt wie ein Schmierfilm vor der Sonne, aber Lang Lang denkt vermutlich in Werbebildern. Für Porträtfotos ist das gebrochene Licht perfekt, und nur dafür ist er so früh aufgestanden…

Bernhard Bartsch | 25. Mai 2011 um 03:38 Uhr

 

GAU in Scheiben

Die Misere um das japanische Katastrophen-AKW Fukushima ebbt nicht ab. Erst jetzt gesteht Tepco weitgehende Kernschmelzen in zwei weiteren Reaktorblöcken ein.

Die Kette von Hiobsbotschaften aus dem japanischen Katastrophen-AKW Fukushima-Daiichi reißt nicht ab. Am Dienstag erklärte die Betreiberfirma Tepco, dass es in den Reaktoren 2 und 3 wohl zu einer weitgehenden Kernschmelze gekommen sei, und zwar schon in den Tagen nach dem Erdbeben vom 11. März. Es ist das erste Mal, dass Tepco bestätigt, was Experten schon seit langem vermuten. Für das späte Eingeständnis gibt es zwei mögliche Gründe, und beide sind gleichermaßen beängstigend…

Bernhard Bartsch | 24. Mai 2011 um 13:22 Uhr

 

Chinas Beweisschuld

Der Prozess gegen Ai Weiwei wird ein international beachteter Prüfstein für Chinas Justizsystem. Bisher kann von rechtsstaatlichen Standards keine Rede sein.

China stellt einen seiner berühmtesten Bürger, den Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei, vor Gericht. Die Anklage lautet auf Steuerhinterziehung und Vernichtung von Buchhaltungsunterlagen, doch alles deutet darauf hin, dass die Vorwürfe nur ein Vorwand sind, um den 53-Jährigen mundtot zu machen. Dass Ai – anders als etwa dem inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und zahlreichen anderen Freigeistern – nicht wegen politischer, sondern wirtschaftlicher Gründe der Prozess gemacht wird, soll offenbar in- und ausländische Kritik an Chinas Rechtssystem entkräften…

Bernhard Bartsch | 23. Mai 2011 um 03:12 Uhr

 

Kim in China – aber welcher?

Nordkoreas Diktator besucht seinen engsten Verbündeten. Womöglich ist die Reise auch der Antrittsbesuch seines jüngsten Sohnes und designierten Nachfolgers.

Wie immer ist alles höchst geheimnisvoll: Kim Jong-il, Nordkoreas undurchschaubarer Diktator, soll erneut nach China gereist sein. Es wäre das dritte Mal seit Mai vergangenen Jahres, dass der „Geliebte Führer“ seinen engsten Verbündeten besucht. Über die Visite, die bisher weder von nordkoreanischer noch von chinesischer Seite bestätigt worden ist, kursieren unterschiedliche Angaben…

Bernhard Bartsch | 22. Mai 2011 um 03:16 Uhr

 

Ais Familie weist Anklage zurück

Künstler soll wegen Steuerhinterziehung verurteilt werden. Ein faires Verfahren gilt jedoch als unwahrscheinlich.

Ais Schwester Gao Ge warf den Behörden vor, Vorwände zu suchen, um den prominenten Regimekritiker mundtot zu machen. „Das Verfahren war von Anfang an illegal, weshalb wir auch kein gerechtes Ergebnis erwarten“, sagte Gao. In den mittlerweile 49 Tagen seit Ais Festnahme am Pekinger Flughafen hatte die Polizei bereits mehrfach gegen die vom chinesischen Gesetz vorgeschriebenen Verfahrensregeln verstoßen…

Bernhard Bartsch | 21. Mai 2011 um 03:13 Uhr

 

In den Schwanz gebissen

Chinas Blogger organisieren Schuh-Attacke auf den Vater der chinesischen Internetzensur. Die öffentlichkeitswirksame Aktion ist auch eine Homage an Ai Weiwei.

Der Schuh traf Fang Binxing aus heiterem Himmel. Ein zweiter flog daneben, mehrere Eier zerplatzten zu seinen Füßen. Die Schrecksekunde, die der Informatikprofessor und seine Entourage benötigten, um die Situation zu erfassen, reichte dem Schuhschützen, um barfuß zu flüchten und im Wegrennen mit seinem Handy sogar noch ein Foto vom Ort des Geschehens zu machen. „Ich habe Fang getroffen“, jubilierte der Student wenig später per Twitter. „Es war nicht schwierig, ihn zu bewerfen, aber nicht ganz einfach, ihn richtig gut zu treffen.“ Die Attacke auf dem Campus der zentralchinesischen Wuhan Universität ist aktuell eines der heißest diskutierten Themen im chinesischen Internet…

Bernhard Bartsch | 21. Mai 2011 um 02:36 Uhr

 

Hörsaal der Hörigen

Erschreckt durch die Umwälzungen im Nahen Osten trimmt Chinas Regierung seine Studenten mit Gewalt auf Linie.

Die Aufforderung zum Verrat erfolgte im Namen der Moral. Pekinger Studenten erhielten kürzlich Formulare mit den Namen ihrer Kommilitonen, auf denen sie beurteilen sollten, wen sie für moralisch vorbildlich hielten – und wen nicht. „Wir waren ziemlich schockiert“, erzählt eine Studentin. Denn keiner machte sich Illusionen darüber, auf welche Informationen es die Universitätsleitung abgesehen hatte: Wer zeichnet sich durch Patriotismus und Parteitreue aus, und wer wagt es, vor anderen Kritik an Chinas Machtstrukturen oder Medien zu üben?…

Bernhard Bartsch | 20. Mai 2011 um 02:48 Uhr

 

Zurück in die Rezession

Nach der humanitären und nuklearen Katastrophe des Erdbebens vom 11. März droht Japan nun auch der wirtschaftliche Absturz.

Die Rezession kehrt zurück: Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im ersten Quartal um 0,9 Prozent. Auf das Gesamtjahr gerechnet entspricht das einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent. Schon im letzten Quartal 2010 hatte es einen Rückgang gegeben. Der Konjunktureinbruch übertrifft die Befürchtungen vieler Experten…

Bernhard Bartsch | 19. Mai 2011 um 12:49 Uhr

 

Doofe Dämonen

Kann man Geister ernst nehmen, die auf ihren eigenen Spuk hereinfallen?

Man soll sich nicht über den Glauben anderer Menschen lustig machen, ich weiß es ja selber. Aber kann man Geister ernst nehmen, die nicht um die Ecke gehen können? Oder Dämonen, die auf ihre eigenen Tricks hereinfallen? Der chinesische Volksglaube ist bevölkert von furchterregenden Kreaturen, die den Menschen das Leben zur Hölle machen könnten – hätten sie nicht alle einen simplen Konstruktionsfehler, mit dem sie sich einfach in Schach halten lassen…

Bernhard Bartsch | 19. Mai 2011 um 02:58 Uhr

 

„Chinas Unruhepotential ist nicht zu unterschätzen“

Politikwissenschaftler Zheng Yongnian über Chinas Repressionen, Pekings außenpolitischen Kollisionskurs und die Sinnlosigkeit von Konfuzius-Instituten.

Bernhard Bartsch: Professor Zheng, China geht derzeit so hart gegen Regimekritiker vor wie seit vielen Jahren nicht mehr. Der Künstler Ai Weiwei ist seit über einem Monat verschwunden, hunderte unangepasste Intellektuelle wurden verschleppt oder bedroht. Was steckt hinter dieser Kampagne?

Zheng Yongnian: Die Volksaufstände in Nordafrika und im Nahen Osten schüren in der Kommunistischen Partei Ängste, dass es auch in China zu Unruhen kommen könnte. In der Regierung sind die Erinnerungen an die Studentenproteste von 1989, gegen die sie sich nur mit brutaler Gewalt zu wehren wusste, noch präsent genug, dass der Parteispitze diesmal jedes Mittel recht ist, um eine neue Demokratiebewegung zu verhindern…

Bernhard Bartsch | 17. Mai 2011 um 06:20 Uhr

 

Lebenszeichen von Ai Weiwei

Kritischer Künstler darf sechs Wochen nach Festnahme seine Frau sehen. Dass Chinas Polizei geltende Gesetze ignoriert, führt zu diplomatischen Verstimmungen.

Sechs Wochen nach seiner Festnahme ist dem chinesischen Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei erstmals Kontakt mit seiner Familie gestattet worden. Von einem Auto der Staatssicherheit wurde Ais Frau Lu Qing am Sonntagabend zu einem unbekannten Treffpunkt gefahren, berichten Familienangehörige und Mitarbeiter. Polizisten wiesen sie an, mit Ai ausschließlich über seine Gesundheit zu sprechen…

Bernhard Bartsch | 16. Mai 2011 um 03:58 Uhr

 

Der Blick ins Klo

Chinas Ex-Premier Zhu Rongji kritisiert Pekings Propaganda: In den Fernsehnachrichten komme nur noch „Quatsch“. Schauen wir mal rein!

„Die 7-Uhr-Nachrichten schaue ich nur noch, um zu sehen, was da wieder für ein Quatsch kommt.“ Dieser Satz amüsiert derzeit Chinas Internetgemeinde. Denn die Kritik an der chinesischen Tagesschau im Staatssender CCTV stammt nicht aus den Reihen einschlägig bekannter Regimekritiker wie dem inhaftierten Künstler Ai Weiwei, sondern von einem der prominentesten Politiker des Landes: Zhu Rongji, von 1998 bis 2003 chinesischer Regierungschef…

Bernhard Bartsch | 12. Mai 2011 um 01:23 Uhr

 

„Wer könnte Ai Weiwei nicht lieben?“

Der chinesische Rockmusiker Zuoxiao Zuzhou, 41, über seine Freundschaft mit Ai Weiwei, die Ursprünge von Ais Regimekritik und den symbolträchtigen Ort, an dem sich Ai sein Grab gekauft hat. Eine Übersetzung:

Ai Weiwei ist so gut wie der einzige chinesische Künstler mit einem politischen Kopf. Dafür bewundere ich ihn. Egal, was man von seinen politischen Ideen halten mag – sein Mut und seine persönliche Integrität sind im heutigen China einzigartig. Viele seiner prominenten Freunde lassen seit seiner Verhaftung keinen Pups mehr von sich hören. Ai Weiwei hat vielen Menschen geholfen, aber die meisten von ihnen schweigen jetzt, aus Angst, ihr angenehmes Leben in diesem Land zu verlieren. Ich fürchte, mit Ais Fall ist eine Grenze überschritten worden. In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden sich immer weniger Menschen trauen, die Wahrheit zu sagen…

Bernhard Bartsch | 09. Mai 2011 um 03:13 Uhr

 

Erster Erfolg für Japans Atomkraftgegner

Japanische AKW-Gegner feiern die Abschaltung des Kraftwerks Hamaoka als ersten Erfolg. Die Kritik an dem Betreiber des Kraftwerks Fukushima hält an.

Japans Anti-Atomkraft-Bewegung gewinnt Format: Knapp zwei Monate nach Beginn der Nuklearkatastrophe im AKW Fukushima demonstrierten am Samstag Tausende Japaner für den Ausstieg aus der Kernenergie. «Wir wollen eine neue Energiepolitik», war bei einer Kundgebung in Tokios Stadtteil Shibuya auf Plakaten zu lesen, berichteten japanische Medien. Auf einem anderen Transparent stand: «Atomkraft ist out.» An diesem Wochenende können die Atomkraftgegner einen ersten Erfolg verbuchen: Am Freitag hat Premierminister Naoto Kan die vorübergehende Abschaltung des umstrittenen Kraftwerks Hamaoka angeordnet…

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2011 um 02:55 Uhr

 

Chinas demografische Wette

China hat sein Volk gezählt und festgestellt: Die demographische Situation ist kritisch. Trotzdem soll die umstrittene Geburtenplanungspolitik weitergehen.

Han Yubo ist 15 Jahre alt und weiß bereits, was das Leben für sie bringen wird. „Wenn ich einmal heirate, werden mein Mann und ich uns nicht nur um uns selbst und unser eigenes Kind kümmern müssen, sondern auch um unsere Eltern“, sagt die Pekinger Schülerin. „Zwei Gehälter für sieben Münder – ich kann nur hoffen, dass wir erfolgreich sein und genügend Geld verdienen werden.“ Han Yubos Sorge, einmal die Versorgungspflicht für drei Generationen tragen zu müssen, ist in China so weit verbreitet, dass sie einen eigenen Namen hat: 4-2-1-Problem…

Bernhard Bartsch | 06. Mai 2011 um 02:51 Uhr