Bernhard Bartsch

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100 Tage Fukushima: Bittere Bilanz

Fukushima wird in den globalen Wortschatz eingehen – als Inbegriff für die Gefahren der Atomenergie, aber auch als  Symbol für Japans Niedergang.

Der Name der japanischen Präfektur Fukushima – Heimat von zwei Millionen Menschen, weltweit erfolgreichen Hightech-Unternehmen und vielfach prämierten Birnen – wird nie wieder so klingen wie früher. Am Sonntag ist es hundert Tage her, dass ein Erdbeben und ein Tsunami dafür gesorgt haben, dass die dadurch ausgelöste Nuklearkatastrophe Fukushima in den globalen Wortschatz eingehen musste. Der Name erscheint als Inbegriff für die Gefahren der Atomenergie, aber auch als Symbol für den Niedergang eines Landes, das einst zur Avantgarde des Fortschritts gehörte und nun den Anschluss zu verlieren droht.

Für Atomkraftgegner ist die Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima Daiichi die seit Jahren prophezeite Katastrophe, die beweist, dass Tschernobyl kein Einzelfall und nicht allein mit der technischen Selbstüberschätzung der maroden Sowjetunion zu begründen war. Noch sind längst nicht alle Details über den Ablauf des Desasters geklärt, aber was bisher bekanntwurde, ist erschreckend: Schon die Erdstöße – und nicht, wie lange behauptet, erst der Doppelschlag von Beben und Tsunami – reichten aus, um das Kühlsystem zusammenbrechen zu lassen. Einen ähnlichen Ausfall könnten auch Terroranschläge oder menschliches Versagen auslösen. Einmal außer Kontrolle hatten die Techniker der Betreiberfirma Tepco keine Möglichkeiten mehr, die fatalen Prozesse in den Reaktoren zu stoppen. Dass Tepcos Manager die Öffentlichkeit und Regierung wochenlang täuschen konnten, zeigt, wie schnell Krisenpläne und Regulierungsmechanismen im Ernstfall versagen können.

Die rigiden Strahlenschutzvorgaben waren schnell Makulatur. Die Regierung musste zulassen, das Tepco radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer leitete. Klärwerke müssen derzeit tonnenweise belasteten Klärschlamm entsorgen. Die Grenzwerte für die Strahlenbelastung der Arbeiter mussten hochgesetzt werden, von 100 Millisievert in fünf Jahren auf 250 Millisievert. Mindestens acht Arbeiter wurden in den vergangenen Wochen noch höheren Werten ausgesetzt. Die Kosten für die Entschädigung der 100000 Menschen, die ihre Häuser für immer verlassen müssen, lassen sich erst ansatzweise abschätzen. Klar ist freilich, dass weder Tepco noch eine Versicherung für den Schaden aufkommen werden, sondern die japanischen Steuerzahler.

Das Ergebnis ist mehr als eine Krise, die neben Menschen und Wirtschaft auch die japanische Identität trifft. Jahrzehntelang glaubten die Japaner, sich auf die Qualität ihrer Produkte und die Stabilität ihrer Strukturen verlassen zu können. Dieses Image machte „Made in Japan“ weltweit erfolgreich und zu einem Hauptkonkurrenten für „Made in Germany“.

Über den Nuklearunfall, der weltweit eine Renaissance der Anti-Atomkraft-Bewegungen ausgelöst hat, sollten die anderen Auswirkungen des Bebens der Stärke 9,0 auf der Richterskala nicht in Vergessenheit geraten. Mehr als 15.000 Leichen wurden bisher geborgen. 8000 Menschen gelten noch als vermisst und wurden aller Wahrscheinlichkeit nach ins Meer gespült. Mehr als 100.000 Gebäude wurden vollständig zerstört. Allein für das Soforthilfeprogramm benötigte die Regierung rund 35 Milliarden Euro, was einem Prozent der gesamten japanischen Wirtschaftskraft entspricht. Infolge von Zerstörung und Stromausfällen ist Japan in die Rezession gerutscht. Die Regierung rechnet für das Gesamtjahr bestenfalls mit Nullwachstum.

Alle Hoffnungen, die Katastrophe könne zu einem gesellschaftlichen Zusammenrücken führen, sind zerplatzt. Die politischen Lager um die regierenden Demokraten und die oppositionellen Liberaldemokraten sind zerstrittener denn je und versuchen beide, aus dem Unglück Profit zu schlagen. Zwar ist es Premier Naoto Kan, der am Vorabend des Bebens kurz vor dem Rücktritt zu stehen schien, infolge der Krise gelungen, sich als einziger der vergangenen fünf Regierungschefs für mehr als ein Jahr im Amt zu halten. Doch nun fordert die Opposition seinen Kopf im Tausch für ihre Zustimmung zu einem weiteren Sonderhaushalt und einer Verlängerung der Sitzungsperiode des Parlaments. Eigentlich sollen die Abgeordneten am Dienstag in den Urlaub gehen; doch ohne ihr Votum kann die Regierung keine größeren Maßnahmen beschließen. Premier Kan will sein Amt jedoch nicht zur Verfügung stellen, solange die Mittel für den Wiederaufbau fehlen. Die Pattsituation droht den Staat endgültig handlungsunfähig zu machen. Nach zwei sogenannten „verlorenen Jahrzehnten“ droht Japan nun noch ein drittes.

Bernhard Bartsch | 18. Juni 2011 um 15:23 Uhr

 

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