Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Indoktrination ist wirkungsvoller als Atombomben“

Erfolgsautor Yan Lianke, 51, spricht im Interview über Mao-Kult, Zensur und die Angst der chinesischen Intellektuellen vor sich selbst.

Yan_LiankeFrage: Herr Yan, Sie gelten als einer der wichtigsten chinesischen Gegenwartsautoren, aber in der offiziellen Delegation für die Frankfurter Buchmesse hat der Schriftstellerverband Sie übergangen. Warum hält die Regierung Sie für nicht vorzeigbar?

Yan Lianke: Tja, offenbar gibt es noch viele bessere Autoren als mich.

Sie stapeln tief. Die meisten Autoren der Delegation haben sich ihre Reise nicht als Literaten, sondern als Führungskader offizieller Schriftstellerverbände verdient.

Da haben Sie recht. Ich finde, dass unsere Regierung da nicht besonders klug gehandelt hat. Einerseits will sie ihre Offenheit beweisen und andererseits brandmarkt sie meine Bücher als subversiv. Das passt eigentlich nicht zusammen.

In China schon. Schließlich machen Sie sich mit Vorliebe über Chinas Tabuthemen her. In Ihrem Buch „Dem Volke dienen“, das auch auf Deutsch erschienen ist, machen sie sich zum Beispiel die Absurditäten der Mao-Zeit her.

Die Mao-Zeit ist wirklich ein grandioser Stoff: eine fabelhafte Komödie und gleichzeitig eine herzzerreißende Tragödie. Dass die Menschen damals alles so ernst genommen haben, verleiht den kleinsten Alltagshandlungen eine riesige Fallhöhe: In meiner Kindheit stellte sich zum Beispiel vor jedem Essen die ganze Familie vor ein Bild von Mao und las ein paar Sprüche des großen Vorsitzenden. Wobei es genau genommen so war, dass meine Eltern das Kleine Rote Buch nahmen und dann auswendig ein paar Sprüche aufsagten. Sie waren Analphabeten nämlich Analphabeten, aber Maos Buch war für sie trotzdem heilig wie eine Bibel. Wir alle waren von dem Ritual sehr ergriffen und haben darüber fast vergessen, wie hungrig wir waren.

Und wann wurde Ihnen bewusst, dass da etwas nicht stimmt?

Erst Jahrzehnte später. Ich war ja nur ein einfaches Bauernkind. Wie hätte ich das durchschauen sollen, wenn nicht einmal führende Parteimitglieder daran etwas falsch fanden. Die Menschen fielen damals auf jeden Mist hinein. Eine zeitlang schickte die Regierung zum Beispiel Lastwagen durch die Provinzen, die angeblich aus dem Süden kamen und Mangos für den Vorsitzenden Mao transportierten. Alle Menschen kamen auf die Straße und waren selig, einen Blick des Wagens mit den wertvollen Früchten erhaschen zu können. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Jetzt schauen wir Chinesen nach Nordkorea und lachen uns kaputt, aber in der Mao-Zeit haben wir selbst so gelebt.

Viele Chinesen sind aber auch heute noch glühende Mao-Verehrer – von der Kommunistischen Partei ganz zu schweigen.

Ja, aber die heutige Verehrung hat mit der von damals wenig zu tun. Früher war das geradezu religiös. Wir Chinesen haben ja keinen gemeinsamen Glauben und kein festes Wertesystem. Da haben Mao und der Kommunismus eine spirituelle Lücke geschlossen. Jetzt ist das nur noch Nostalgie, oft auch von Leuten, die diese Zeit gar nicht miterlebt haben. Wer sich über Chinas hohe Einkommensunterschiede oder die Korruption ärgert, sagt gerne, dass unter Mao alles besser war.

War denn unter Mao alles schlecht?

Utopien sind an sich natürlich etwas Wunderbares, aber mit dem Kommunismus kamen in China eben auch Hungersnöte und Katastrophen. Mao hat die größte Tragödie unserer Zeit ausgelöst. Trotzdem kann man ihn nicht mit Diktatoren wie Hitler oder Stalin in einen Topf werfen. Denn während die einfach nur ungeschlachte, brutale Menschen waren, wirkte Maos Grausamkeit nur indirekt. Er hat seine Revolution mit Worten gemacht – die Gewehre hatten andere. Deswegen sehen die Chinesen Mao bis heute eher als weisen Literaten denn als Kriegsherrn. Er war zweifellos einer der besten Rhetoriker der Menschheitsgeschichte. Er brauchte kein Manuskript, seine Sprache war knapp und deutlich, jeder Satz ein Werbeslogan, der besser war als alles, was wir heute auf Plakatwänden lesen. Damit hat er die Menschen überzeugt – und wahrscheinlich auch sich selbst.

Aber das ist ja nun schon mehr als drei Jahrzehnte her. Reden wir über die heutige Zeit…

…man kann nicht über die heutige Zeit reden, ohne über die Mao-Zeit zu reden. Denn die Ideologie von damals wirkt weiter, auch wenn man das dem modernen China von außen nicht ansieht. Aber die Zeitungen, die Werbung, das Fernsehen – alles ist voll von Revolutionssprache. Und da versteht die Führung keinen Spaß. Sie braucht diese Rhetorik und sie braucht Mao – das ist ein Kernbestandteil ihrer Legitimation. Mao hat die Mechanismen erfunden, mit denen die Kommunistische Partei sich an der Macht hält und die etwa Schuld daran sind, dass unser System so fürchterlich korrupt geworden ist. Man könnte sagen, dass China ein Baum ist, auf dem heute andere Früchte wachsen, der aber immer noch die gleichen Wurzeln hat.

Sie haben allerdings selbst lange von diesem System profitiert und waren über Jahrzehnte ein offizieller Armee-Schriftsteller.

Ja, das war ich, so wie übrigens die meisten Schriftsteller meiner Generation, auch wenn viele davon heute nicht mehr gerne reden. Chinas Volksbefreiungsarmee hat ein ähnliches System wie einst die Sowjetunion: Die Soldaten wird nicht nur militärisch Disziplin beigebracht, sondern auch ideologisch. Erst wird ihnen das Hirn gewaschen, um dann etwas Neues dort einzupflanzen – und da kommen die Schriftsteller ins Spiel. Indoktrination ist wirkungsvoller als Atombomben.

Und da haben Sie mitgemacht?

Am Anfang habe ich das gar nicht durchschaut. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und wie alle in meiner Generation hatte ich den Wunsch, der harten Feldarbeit zu entkommen. Die Armee war dafür so ziemlich die einzige Möglichkeit. Als Soldat wollte man mich dort nicht nehmen, aber dann habe ich gehört, dass man im Militär auch als Schriftsteller arbeiten kann. Also habe ich mir jeden Abend nach der Arbeit Revolutionsgeschichten ausgedacht, den reinsten Müll, aber es war offenbar genau das, was die Offiziere lesen wollten und so wurde ich 1978 in die Armee aufgenommen.

Wann kam es zum Bruch?

Das hat mit dem Vietnamkrieg zu tun, der 1979 ausbrach. Ich musste selbst nicht an die Front, aber ich sah viele Soldaten in den Kampf fahren und nicht zurückkommen. Der Kriegszustand hielt bis 1986 an, aber als drei Jahre später die Asienspiele eröffnet wurden, konnte man im Fernsehen sehen, wie unsere Politiker die Politiker aus Vietnam innig umarmten. Das hat mein Weltbild erschüttert, oder eher gesagt, zurechtgerückt: Gerade noch Feind, jetzt Freund – so funktioniert Politik. Da habe ich einen unglaublichen Hass bekommen, auf den Staat, den Krieg, die Mächtigen.

Daraus machen Sie in den Büchern, die Sie seitdem geschrieben haben, keinen Hehl. Vier ihrer Titel sind in China verboten. Können Sie uns erklären, wie die Zensur funktioniert?

Das ist ein sehr undurchsichtiger Prozess. Eines meiner Bücher war zum Beispiel schon verboten, aber dann ist mein Verlagschef nach Peking gefahren, hat ein paar Leuten Geschenke gemacht und plötzlich durfte es doch erscheinen, allerdings unter der Auflage, dass keinerlei Werbung gemacht werden durfte. Aber das funktioniert auch nicht immer. Mein Buch „Shouhuo“ (Freude) wurde auch verboten und ich nach 26 Jahren aus der Armee ausgeschlossen. Man weiß einfach nie, wie die Verlage oder die Behörden reagieren. Bei meinem Buch „Dem Volke dienen“ hat zum Beispiel der eine Verlag gesagt: Der Inhalt könnte durchgehen, aber der Titel nicht, und der nächste Verlag sagte, der Titel könnte durchgehen, aber der Inhalt nicht. Und am Ende ging gar nichts: Die Propagandaabteilung und die Behörde für Presse und Publikation (GAPP) haben eine Direktive verbreitetet, dass mein Buch die höchsten Ziele der Kommunistischen Partei schmähe und man es in keiner Form drucken, bewerben oder diskutieren dürfe. Damit war das Buch Tabu.

Hat Sie das wirklich gewundert? Immerhin machen Sie den Leitspruch der Partei – „Dem Volke dienen“ – zum Thema einer Sex- und Soldaten-Groteske.

Mir wird häufig gesagt, meine Geschichten seien Grotesken. Aber leider ist es nicht so. Ich bin Realist. Denn was sich in China tatsächlich abspielt, ist so hanebüchen, dass man es schwarz auf weiß aufgeschrieben gar nicht glauben mag.

Was sagt ihre Mutter denn dann zu ihren Büchern?

Sie liest sie nicht und das ist auch gut so. Allerdings weiß sie, dass ich ein umstrittener Schriftsteller bin und mehrere meiner Bücher verboten sind. Sie macht mir deswegen Vorwürfe und sagt, ich solle lieber etwas Besseres schreiben. Meine Schwägerin hat einmal einen Text von mir gelesen, in dem einige Sexszenen waren, und hat hinterher zu mir gesagt: „Bist du so arm, dass du mit solchem Schmutz dein Geld verdienen musst?“ Sie kennt ja nur die heile Welt, die einem im Fernsehen vorgegaukelt wird. In meinen Büchern kommt die nicht vor. Als Literat bin ich mit dieser Gesellschaft gewissermaßen inkompatibel.

Wer liest denn dann in China Ihre Bücher?

Schriftsteller wie ich sind nicht bestsellerfähig, aber wir haben einen kleinen, stabilen Leserkreis. Es gibt in China einfach nicht viele Menschen, die gerne nachdenken. Das merkt man auch unserem Humor an: Im Westen regen gute Witze das Denken an, in China aber einfach nur das Lachen. Das ist einfacher, denn wer nicht denkt, kann leichter vergessen: die Hungersnöte, die Kulturrevolution, den 4. Juni. Diese Erinnerung tun uns Chinesen weh.

Dabei fordern einige Intellektuelle, dass in China gerade die Erinnerung die Aufgabe der Literatur sein müsse, weil sie in den offiziellen Medien nur unter den Vorzeichen der Propaganda stattfindet.

Das könnte tatsächlich die Rolle der Literatur sein, aber Chinas Intellektuelle haben Angst vor ihrem Einfluss. Ist es nicht bezeichnend, dass wir ein ähnliches System haben wie seinerzeit die Sowjetunion, aber kein literarisches Werk, das es mit dem Archipel Gulag oder Doktor Schiwago aufnehmen könnte? Das ist kein Zufall. Wir haben keine Tradition, den Herrschenden mit Literatur Kontra zu bieten. Stattdessen dienen wir ihnen lieber.

Dürfen wir das als Selbstkritik verstehen?

Wenn Sie mögen. Ich bin ebenso wenig vollkommen wie meine Kollegen. Ich habe zum Beispiel in „Der Traum meines Großvaters“ über den chinesischen Aids-Skandal geschrieben. Ich habe sehr viel recherchiert und einen großen Reportageroman geplant. Aber weil ich wollte, dass das Buch erscheinen kann, habe ich einen Kompromiss gemacht und kein Sachbuch geschrieben, sondern einen Schlüsselroman. Am Ende wurde das Buch aber trotzdem verboten. So habe ich einen wundervollen Stoff verschwendet! Aber da kann man einmal sehen, wie sehr wir chinesischen Schriftsteller uns selbst im Weg stehen.

ZUR PERSON

Yan Lianke, 1958 in der zentralchinesischen Provinz Henan geboren, gehört zu den prominentesten und umstrittensten chinesischen Gegenwartsschriftstellern. 1978 trat er ins Schriftstellerkorps der Volksbefreiungsarmee ein. Nach Ende der Mao-Zeit studierte er Literatur an der Henan-Universität und der Kunsthochschule der Armee. Seine Bücher berühren immer wieder chinesische Reizthemen wie die Kulturrevolution oder Korruption. Vier seiner Bücher wurden daher in der Volksrepublik verboten. Trotzdem erhielt er auch zwei der höchsten chinesischen Literaturauszeichnungen, den Lu-Xun-Preis und den Lao-She-Preis. Er wird als chinesischer Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Auf Deutsch sind die Bücher „Dem Volke dienen“ und „Der Traum meines Großvaters“ erschienen.

Bernhard Bartsch | 23. September 2009 um 01:06 Uhr

 

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