Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Chinas Wahrheit ist nicht elegant“

Der chinesische Schriftsteller Mo Yan erzählt, wie er vom Bauer zum Erfolgsautor wurde, weshalb Chinas Gegenwartsliteratur nicht ohne Gewalt auskommt und warum John Updike das nie verstehen konnte.

Mo_YanFrage: Mo Yan, ich sage es Ihnen lieber gleich zu Anfang: In diesem Gespräch wird es viel um Schubladendenken gehen.

Mo Yan: (lächelt) Ach du liebe Güte!

Frage: Wir wollen ja über chinesische Literatur reden, und davon verstehen wir im Westen leider so wenig, dass wir die Autoren meistens alle in einen Topf werfen. Das gilt auch für Sie: Ihre Romane werden bei uns in erster Linie als „chinesische Bücher“ gelesen, statt als Werke des einzigartigen Schriftstellers Mo Yan.

Mo Yan: Damit muss man leben. Und wir haben dieses Problem in China umgekehrt natürlich auch: Bei ausländischen Autoren steht eben immer zunächst die Nationalität im Vordergrund. Aber das macht ja auch den Reiz aus, denn so kann man durch Literatur fremde Länder und Kulturen kennen lernen.

Frage: Wobei man dann Romane eher wie Sachbücher liest, weil man ja gar nicht weiß, wo die Realität aufhört und die Fiktion beginnt.

Mo Yan: Das stimmt, aber letztlich schreiben Schriftsteller eben doch vor allem über das, was sie kennen. Und bei der chinesischen Gegenwartsliteratur muss man sich da ohnehin keine Gedanken machen: Realismus ist schließlich ihr entscheidendes Merkmal. Denn die Wirklichkeit so zu beschreiben, wie sie tatsächlich ist, darf man in China ja erst seit den Achtzigern.

Frage: Davor war die Zeit des sogenannten Sozialistischen Realismus, der zwar die Wirklichkeit im Namen, aber ansonsten nicht viel mit ihr zu tun hat.

Mo Yan: Ja, in der Zeit von Mao Zedong war die Literatur eine Waffe der Revolution und die Schriftsteller mussten die Gesellschaft so darstellen, wie sie dem sozialistischen Weltbild entsprach. Aber im Reformzeitalter ist dieses Tabu gebrochen worden, und heute schreiben wir, wie wir wollen: über die Politik und die Gesellschaft, das Leben und die Liebe, Gewalt und Sex.

Frage: Ihre Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie diese neuen Freiheiten voll ausnutzen. John Updike hat einmal über Sie geschrieben, Ihre Literatur beschreibe „fröhlich frei die physischen Details die mit Sex, Geburt, Krankheit und gewaltsamem Tod einhergehen“. Updike, der davon etwas befremdet wirkte, erklärte sich das damit, dass der chinesische Roman offenbar nie „ein viktorianisches Zeitalter hatte, das ihn Anstand gelehrt hätte.“

Mo Yan: So ist nun mal die Realität. Meine Bücher spielen alle vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte der letzten hundert Jahre, und die bestanden vor allem aus Krieg und Elend. Das ist auch meine persönliche Lebenserfahrung. Ich bin 1955 in einem armen Bauerndorf geboren und in der Zeit des Klassenkampfes aufgewachsen. Wegen der Kulturrevolution konnte ich nur fünf Jahre lang die Schule besuchen, danach musste ich in die Welt der Erwachsenen. Die Menschen haben sich damals pausenlos niedergemacht, mal mit Worten, mal mit körperlicher Gewalt. Wie sollte John Updike mit seinem gepflegten amerikanischen Mittelstandshintergrund das verstehen? Chinas Wahrheit ist eben nicht so elegant.

Frage: Wie wird man unter solchen Umständen zum Schriftsteller?

Mo Yan: Ich bin nicht mit großer Literatur aufgewachsen, sondern mit den Geschichten der Bauern. In unserer Gegend gab es einige großartige Erzähler, die abends die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten. Das war schon früh mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erzählen zu können. Und tatsächlich ist ihre Sprache, die ganz ungestüm, übertrieben und drastisch ist, zur Sprache meiner Bücher geworden – bis heute, obwohl ich inzwischen seit zwanzig Jahren in Peking lebe.

Frage: Bis heute lassen Sie ihre Bücher zum Großteil in ihrem Heimatdorf Gaomi spielen, und nicht etwa in den Städten, wo viele andere Gegenwartsautoren ihre Erzählungen ansiedeln.

Mo Yan: Gaomi ist meine Heimat, zumindest literarisch. Ich habe die ersten 21 Jahre meines Lebens dort verbracht. Danach wollte ich wie viele Chinesen dem Landleben entkommen, je weiter, umso besser. Aber beim Schreiben fühlte ich mich dann plötzlich wieder auf meine Heimat zurückgeworfen. Erst hat mich das beschränkt, bis ich gemerkt habe, was für ein Schatz das ist. Natürlich ist das Gaomi in meinen Büchern nur zum Teil echt, aber viele meiner Romanfiguren haben ihre Vorbilder in meinen dortigen Verwandten oder Nachbarn. Im Moment arbeite ich zum Beispiel an einem Buch, das auf der Geschichte einer Tante basiert, die fünfzig Jahre lang als Frauenärztin auf dem Land gearbeitet hat. Was die alles erlebt hat!

Frage: John Updike hätte damit sicher seine liebe Mühe gehabt.

Mo Yan: Ich schreibe gerne über Themen, die andere lieber vermeiden. Natürlich sind Beschreibungen von Brutalität und Leiden für die Leser nicht angenehm, aber ein Schriftsteller sollte keine Angst davor haben, die hässlichen Seiten des Lebens zu zeigen. Es ist sogar seine Verantwortung.

Frage: Warum?

Mo Yan: Schriftsteller sind die Ärzte der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden, auch die der Regierung. Für westliche Intellektuelle mag das selbstverständlich klingen, aber in China ist es das noch längst nicht, weil bei uns die Medien ja vor allem den Auftrag haben, die Regierung zu loben. In den letzten Jahren ist die Berichterstattung zwar etwas besser geworden, aber echte Kritik und Enthüllungen kann sich nur die Literatur erlauben. Also muss man beides zusammen lesen, um ein objektives Bild zu bekommen: Die Zeitungen übertreiben Chinas Schönheit und wir Schriftsteller vergrößern seinen Schmerz.

Frage: Einige Kritiker sagen, dass sich unter solchen Umständen zwar eine interessante Aufarbeitung der chinesischen Geschichte, aber keine bedeutende Literatur entwickeln könne. Der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin hat vor ein paar Jahren mit der Bemerkung Aufsehen erregt, China habe seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 keinen großen Autoren mehr hervorgebracht, weil das Land vom literarischen Diskurs der Welt abgeschnitten sei.

Mo Yan: Das kann ich schwer nachvollziehen und habe ehrlich gesagt meine Zweifel, ob Kubin sich in der chinesischen Gegenwartsliteratur wirklich gut auskennt. Seit den Achtzigern können wir ja alle bedeutenden Schriftsteller der Welt in Übersetzung lesen und ihre Schreibstile studieren. Ich finde, dass wir inzwischen sehr fortschrittlich sind.

Frage: Viele chinesische Gegenwartsschriftsteller sagen, die westliche Literatur habe sie stark beeinflusst. Gibt es denn überhaupt noch eine echte „chinesische“ Literatur, oder unterliegt die nicht ebenso den Einflüssen der Globalisierung wie viele andere Lebensbereiche?

Mo Yan: Die Globalisierung der Literatur ist zweifellos ein starker Trend. Aber so neu ist das auch wieder nicht. Die Weltliteratur war doch schon immer auf der Suche nach dem Menschen und den Kräften, die ihn antreiben. Der Unterschied ist nur der Ort, an dem die Suche losgeht: Bei den einen ist es New York, Paris oder Berlin, und bei mir eben Gaomi.

ZUR PERSON

Mo Yan, geboren 1956 in dem Bauerndorf Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong, gehört zu Chinas erfolgreichsten Gegenwartsschriftstellern. Wegen der Kulturrevolution brach er nach der fünften Klasse die Schule ab und arbeitete in einer Fabrik. Mit 20 Jahren trat er in die Volksbefreiungsarmee ein, wo er zu schreiben begann und sich den Künstlernamen Mo Yan zulegte, der „Ohne Worte“ bedeutet.

Im Ausland wurde Mo Yan durch Zhang Yimous Verfilmung seines Romans „Das Rote Kornfeld“ berühmt, die 1988 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Zahlreiche Werke sind inzwischen auf Deutsch erschienen. Zuletzt erschien im Mai „Der Überdruss“ im Horlemann-Verlag. Im September kommt im Insel-Verlag „Die Sandelholzstrafe“ heraus.

Bernhard Bartsch | 15. Juli 2009 um 02:35 Uhr

 

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