Bernhard Bartsch

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“Chinas Entwicklungsmodell hat fundamentale Probleme”

Wirtschaftshistoriker Wu Xiaobo über 30 Jahre chinesische Reformpolitik, fernöstlichen Unternehmergeist und die Lehren aus der Finanzkrise.

Wu Xiaobo

Frage: Herr Wu, vor genau dreißig Jahren hat China sich der Marktwirtschaft geöffnet. Pünktlich zum Jubiläum steckt der Kapitalismus in einer tiefen Krise, und die Volksrepublik mitten drin. Schlägt jetzt die Stunde der Planwirtschaftsnostalgiker?

Wu: Sicherlich nicht, auch wenn die Schwierigkeiten zweifellos sehr groß sind und Chinas Entwicklungsmodell fundamentale Probleme hat. Exporte sind der Motor der chinesischen Wirtschaft, aber aufgrund der schlechten Konjunktur in den USA und Europa bleiben unsere Unternehmen nun auf ihren Waren sitzen. Die Binnennachfrage kann das nicht auffangen, denn diese sinkt derzeit ebenfalls. Die Ursachen dafür liegen allerdings nicht nur in der internationalen Finanzkrise, sondern sind struktureller Art: Der Staat mischt sich noch immer viel zu sehr in die Wirtschaft ein.

Frage: Sie meinen, Chinas Reformen sind nicht weit genug gegangen?

Wu: Ja. Der große Trend führt zwar von Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, aber wir sind noch längst nicht bei der Marktwirtschaft angekommen. In vielen Branchen gibt es keinen echten Wettbewerb und staatliches Kapital spielt noch immer eine entscheidende Rolle. Das muss sich ändern.

Frage: Ist die Krise eine Chance für einen neuen Reformschub?

Wu: In solchen Zeiten ist äußerst schwierig, grundsätzliche Änderungen voranzutreiben. Aber die Krise zeigt klar, wo die Probleme liegen: Chinas staatliches Bankensystem bevorzugt noch immer die großen Staatsunternehmen. Private Betriebe habe es im Moment sehr schwer, an Kredite zu kommen, und da der Wettbewerbsdruck sehr hoch ist, stehen viele Firmen vor der Pleite.

Frage: Dabei sind es gerade die Privatunternehmen, die China in den vergangenen drei Jahrzehnten von einem sehr rückständigen Entwicklungsland zu einer der wichtigsten Wirtschaftsmächte gemacht und mehrere hundert Millionen Menschen aus der Armut befreit haben. Worauf beruht der Erfolg der chinesischen Unternehmer?

Wu: Die meisten kommen aus sehr armen Verhältnissen und sind betriebswirtschaftliche Autodidakten. Erst die jüngeren sind gut ausgebildet und einigermaßen weltläufig. Aber damals wie heute zeichnet es die Chinesen aus, dass sie einerseits sehr geduldig sind, andererseits aber auch sehr schnell entschlossen, wenn sich ihnen eine gute Möglichkeit bietet. Außerdem sind sie äußerst geschickt darin, gute Beziehungen mit der Regierung aufzubauen und zu nutzen.

Frage: Privatwirtschaft und Staat sind also eng mit einander verbandelt.

Wu: Ja, das ist bis heute so. China ist eben eine Beziehungsgesellschaft und das Rechtssystem funktioniert noch nicht sehr gut. Korruption ist sehr weit verbreitet. Natürlich muss sich das ändern, aber ich fürchte, diese Strukturen werden auch in zehn Jahren noch die gleichen sein.

Frage: Viele ausländische Unternehmen leiden auf dem chinesischen Markt unter diesen Zuständen.

Wu: Ich sage ja: Die Strukturen sind noch lange nicht perfekt. Aber wir sollten auch nicht vergessen, dass die meisten ausländischen Firmen in China sehr viel Geld verdient haben. Gerade die deutschen sind da doch eigentlich ganz gut dabei.

Zur Person: Wu Xiaobo, 40, ist Chinas prominentester Wirtschaftshistoriker. Derzeit ist sein Buch „Die unruhigen 30 Jahre“ über die chinesische Reformära an der Spitze der Bestseller. Wu studierte Journalismus an der Eliteuniversität Fudan in Shanghai und arbeitete 13 Jahre für die Nachrichtenagentur Xinhua. 2004 war er Gastdozent an der Harvard Universität. Heute ist Wu stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung Dongfang Zaobao im ostchinesischen Hangzhou.

Bernhard Bartsch | 23. Dezember 2008 um 18:07 Uhr

 

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